Wenn offene Wunden einfach nicht heilen wollen

Ernährung, Beingeschwüre entstehen meist durch Störungen im Blutkreislauf
Ulcus cruris - Unterschenkelgeschwüre

"Bis zur Hochzeit ist alles wieder verheilt", trösten manche Eltern ihre Sprösslinge, wenn die sich mal wieder den Ellenbogen oder das Knie aufgeschlagen haben. Und die Erfahrung lehrt: Die meisten Wunden heilen tatsächlich binnen weniger Tage oder Wochen von ganz alleine.

Doch in manchen Fällen schließen sie sich selbst nach Monaten oder sogar Jahren nicht. Nach vier bis zwölf Wochen sprechen Mediziner von "chronischen Wunden", über die genaue Definition ist man sich nicht einig. Aber die Belastung ist enorm. Viele Patienten haben Schmerzen. Sie sind im Alltag eingeschränkt, müssen immer wieder zum Arzt, um die Verbände zu wechseln. Oft riecht die Wunde auch noch unangenehm.

OA Dr. Elisabeth Lahnsteiner - Leitung Ärzteteam Wundheilung Wien

Normalerweise schließen sich Verletzungen von ganz allein. Doch manche werden chronisch, schmerzen und stinken – Forscher suchen nach Lösungen.

Und offene Wunden sind nicht selten. Ganz oben auf der Rangliste der Wundgeschehen steht das "offene Bein", medizinisch "Ulcus cruris" genannt. Es ist meist die Folge einer Venenschwäche der Beine und tritt vor allem im höheren Alter auf. Diabetiker haben häufig chronische Wunden an den Füßen.

Venenleiden und Dekubitus

Eine gefürchtete Komplikation in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind Druckgeschwüre ("Dekubitus"), bei denen sich die Patienten regelrecht "wundliegen" und die Wunden sich durch den andauernden Druck nicht mehr schließen.

Ernährung, Ulcus cruris - Unterschenkelgeschwür, keine Heilung, Narben
Typische Hautveränderungen bei Ulcera cruris

Wunden die nicht heilen wollen gibt es sogut wie überall – trotzdem gibt es keine harten Daten dazu, wie viele Patienten an Wundheilungsstörungen leiden. "Sie finden Angaben von einigen Hunderttausenden bis hin zu Millionen von Betroffenen", sagt Peter Vogt, Professor für plastische Chirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, der sich als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung um eine bessere Aufklärung von Ärzten, Pflegern und Patienten bemüht.

Die Wundheilung ist ein komplexer Prozess. Auch wenn die Experten schon viel darüber wissen, sind Details doch immer noch ungeklärt. In einem gesunden Organismus beginnt er damit, dass ein "Wundpropf" die Wunde vorläufig verschließt. In einem Entzündungsprozess entfernen spezialisierte Immunzellen Fremdkörper, Krankheitserreger und abgestorbenes Gewebe. Dann füllen neue Zellen die Wunde wieder auf und die Wundränder ziehen sich zusammen - die Wunde wird geschlossen. Zuletzt folgt die Feinarbeit: Der Körper verbessert und vervollständigt das Gewebe. Botenstoffe steuern die einzelnen Schritte.

Bei chronischen Wunden verbleibt das betroffene Gewebe häufig im entzündlichen Stadium, so dass die Heilung stagniert. Das Problem liegt nicht nur in den Wunden selbst. "Den allermeisten Wundheilungsstörungen liegt eine Erkrankung zu Grunde, am häufigsten sind das Venenschwäche, 'Arterienverkalkung' oder Diabetes", sagt der Dermatologe Ulrich Ohnemus vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf: "Daher muss bei jeder Wundtherapie als allererstes die Ursache abgeklärt werden."

Ursache oft ungeklärt

Und hier liegt leider noch viel im Argen. "Zu uns kommen Wundpatienten für Spezialbehandlungen", sagt Peter Vogt: "Trotzdem ist etwa jeder fünfte nicht ausreichend voruntersucht. Die Patienten haben beispielsweise eine Venenschwäche, die noch nicht erkannt wurde."

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für eine erfolgreiche Behandlung also unabdingbar. In vielen Kliniken wurden "Wundsprechstunden" eingerichtet, bei denen Ärzte unterschiedlicher Fachbereiche miteinander kooperieren. Wird die Grunderkrankung angemessen therapiert, kann man den natürlichen Heilungsprozess durch eine geeignete Behandlung unterstützen.

Dazu reinigen die Experten die Wunde, dämmen eventuelle Infektionen ein und schaffen ein die Heilung förderndes Milieu. Standard ist heute die "feuchte" Behandlung von Wunden. "Das heißt, mithilfe von entsprechenden Wundauflagen wird ein feuchtes Klima geschaffen, in dem die Wunde optimal abheilt", sagt Ohnemus.

Auch Peter Vogt vertraut vor allem auf die Selbstheilungskräfte: "Wird die Grunderkrankung richtig therapiert und die Wunde standardmäßig versorgt, kann der Körper diese selbst heilen." In selteneren komplexeren Fällen, müsse aber "mit aufwendigeren Methoden therapiert werden", weil sich die Wunden auf natürlichem Wege nicht schließen.

Die Auswahl an durch Studien mehr oder weniger gut gestützten Therapien hierfür ist groß: Stoßwellen, Vakuum, Elektrotherapie, oder auch Enzyme, Botenstoffen, Transplantationen oder Zelltherapien. Was am Ende hilft, lässt sich oft nur durch Ausprobieren klären.

Jede Wunde ist individuell

Denn letztlich gleicht keine Wunde der anderen – das zumindest glauben Wissenschaftler des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB). Zusammen mit drei anderen Fraunhofer Instituten versuchen sie, chronische Wunden im Labor nachzubilden, um daran Therapien testen zu können. Dazu möchten sie unter anderem Wundsekrete von Patienten analysieren, also die Flüssigkeit, die sich in Wunden bildet. Sie enthält Botenstoffe und wenige Zellen. "Jedes Wundsekret ist etwas anders", erklärt Sibylle Thude, IGB-Expertin für zelluläre Testsysteme. "Wir möchten herausfinden, wie sich die Sekrete von chronischen und akuten Wunden unterscheiden."

Andere Arbeitsgruppen beschäftigen sich damit schon länger, ohne dass man bislang zu einem Konsens gekommen wäre. Eine personalisierte Medizin, die auf die Eigenart jeder individuellen Wunde eingeht, hält Thude nicht für realistisch.

Was ihr vorschwebt, ist eine Art von Universallösung, die trotzdem auf die individuelle Wunde Rücksicht nimmt. Denkbar wäre ein intelligenter Verband, der nach außen signalisiert, wann der Verband gewechselt werden muss. Denn auch in dieser Hinsicht verhält sich jede Wunde anders, die Routinebehandlung kommt in manchen Fällen zu früh, in anderen zu spät. Je nach Stadium der Wundheilung scheint sich der ph-Wert des Sekretes beispielsweise zu ändern. Deshalb entwickeln andere Forscher Pflaster und Verbände, die den ph-Wert durch ein Farbsystem anzeigen.

So unklar die genauen Prozesse bei der Wundheilung bis heute sind, eines ist unstrittig: Mit dem demographischen Wandel verschärft sich das Problem der chronischen Wunden. Weder innovatives Verbandsmaterial noch moderne Therapien schaffen es schlagartig aus der Welt. "Aber die Zeitspanne bis zur Heilung deutlich zu verringern", erklärt Ullrich Ohnemus: "Das ist das Ziel!"
Artikel: Die Welt



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